Donnerstag, 27. April 2017, 20.00
Basel, Gare du Nord

Freitag, 28. 
April 2017, 19.30
Zürich, Konservatorium, Grosser Saal

Sonntag, 30. 
April 2017, 17.00
Schaffhausen, Rathauslaube


Gary Berger (*1967)
31 mal Lösen für Schlagzeug, Video und Elektronik (während Einlass)

Anton Webern (1883 – 1945)
Quartett op. 22 für Saxophon, Violine, Klavier, Klarinette (1928-30)

Hanns Eisler (1898 –1962)
Aus: Duo für Violine und Violoncello (1924) Tempo di Minuetto

Hanns Eisler (1898 –1962) bearb. für Ensemble von Kaspar Ewald
- Wiegenlieder für Arbeitermütter (1932)
- Ballade von der Haltbaren Graugans
- Mutter Beimlein
- ...und ich werde nicht mehr sehen, das Land, aus dem ich gekommen bin
- Kriegslied Grossvater Stöffel
- und endlich stirbt die Sehnsucht doch

Kurt Weill (
1900 –1950)
Lieder für Mezzo und Klavier, Texte von Bertold Brecht:
Ballade von der sexuellen Hörigkeit (1928)
Seeräuber Jenny (1928)

Heiner Goebbels
 (*1952)
Aus: Eislermaterial (1998)
- Ballade von der Haltbaren Graugans


Kurt Weill
Schickelgruber

Charlie Chaplin / Uwe Dierksen
The Immigrant FILM
Filmmusik von 2014, arrangiert für die Camerata Variabile

Kurt Weill
I’m a stranger here myself
Buddy on the nightshift
Aus: Johnny Johnson (Musical): The song of the Goddess


Thelonious Monk
 (1917 – 1982)
Blue Monk für Hammond

Dominik Blum 
 (*1964)
Music 5. Variationen über den Archeklangfür Hammond, Perkussion, Klarinette, Saxophon, Trompete, Posaune, Violine, Violoncello, E-Bass
. UA



Besetzung
Helena Winkelman, Violine
Christoph Dangel, Violoncello
Fabien Sevilla, Kontrabass
Karin Dornbusch, Klarinette
Sascha Armbruster, Saxophon
Michael Büttler, Posaune
Daniel Woodtli, Trompete
Julien Mégroz, Perkussion
Stefka Perifanova, Klavier
Mario Henkel, Technik 

Gäste
Rayanne Dupuis, Sopran
Dominik Blum, Hammond


„Es gibt im Staat kein grundlegendes Gesetz, nicht einmal den Gesellschaftsvertrag, das nicht widerrufen werden kann; denn wenn alle Bürger sich versammelten, um diesen Vertrag in allgemeiner Übereinstimmung aufzukündigen, besteht kein Zweifel, dass er vollkommen rechtmässig gelöst würde. […] Grotius glaubt sogar, dass jeder seine Staatszugehörigkeit aufgeben und seine natürliche Freiheit und seine Habe wieder nehmen und ausser Landes gehen kann. Da wäre es ja widersinnig, wenn alle Bürger zusammen nicht könnten, was jeder Einzelne für sich kann.“

Das Konzert wird eröffnet von Gary Bergers Solo-Performancestück „31 mal Lösen“, das mit einer Videokamera auf eine Leinwand übertragen wird. Wenn man die Projektion der winzigen, von Magneten beeinflussten Spielfläche betrachtet und sieht, wie kleine Objekte darauf herumgeworfen werden und manchmal herunterfallen, ist es leicht, dies als eine makabre Parabel auf die gefährlichen und unvorhersehbaren Verwerfungen eines grossen sozialen Gefüges zu deuten – und deren Konsequenz für das Individuum.

Das ganze Programm wendet sich dem Extremfall zu, bei dem ein Mitglied der Gesellschaft erkennen muss, dass es keinen Einfluss zum Guten mehr nehmen kann und dass die Situation so schlimm ist, dass nur noch das Auswandern möglich ist. Das Programm fällt in zwei Hälften – der Angelpunkt in der Mitte Charlie Chaplins „The Immigrant“ mit einer neu komponierten Filmmusik von Uwe Dierksen. Zu Beginn des Abends treten wir mit dem Quartett für Saxophon, Klavier, Violine und Klarinette von Anton Webern ein in die Übergangszeit vor dem 2. Weltkrieg. „Webern war, seit ihn der adelsblütige Vater und die monarchiehörige Schule züchtigten, ein Deutschnationaler. Aber Webern war kein Antisemit. Noch während der Naziära half er jüdischen Schülern. Dass der Jude und ‘Musikzerstörer‘ Schönberg - nach Wagner die nächsthöhere erwählte Gottheit Weberns - Verfolgungen erlitt, plagte ihn ungeheuer. Zugleich glaubte Webern ernstlich, eine jede Obrigkeit müsse respektiert werden. Die spätere großdeutsche Ordnungsmacht schien ihm offenkundig wie ein Geschenk des Himmels. Im übrigen schaute der Komponist Hitlers Raubzüge aus der Ameisenperspektive am Alpenrand an, als seien sie ein gigantisches Naturschauspiel. Das entspricht einem Gerücht, das bis heute gepflegt wird, und dem Webern hoffnungslos erlegen war. Nämlich, dass Kriege unabwendbar seien, da sie Naturgesetzen gehorchen. (Stefan Amzoll, in Der Freitag, zum 60. Todestag von A. Webern, 2005)

Auch Hanns Eisler war ein Schüler Schönbergs, und die Unterschiedlichkeit der Werke von Schönbergs Schülern zeigt, in welch einem Zwiespalt sich die Komponisten durch die historischen Gegebenheiten fühlen mussten: Wichtige Exponenten der vorhergehenden Generation – Mahler, Skrjabin, Reger, Debussy – waren tot, und nach dem Zerbrechen dreier Kaiserreiche und Revolutionen ging es erst einmal um eine ruhige Bestandsaufnahme. Während Webern mit seinem Quartett noch eine strenge Reihenkomposition vorlegt, kritisierte Eisler seinen Lehrer Schönberg heftig ob seiner elitären Einstellung des l’Art pour l’Art. Schönberg wiederum konnte die politische Haltung Eislers, welche sozialistisch war und der Musik eine Funktion zuwies, nicht akzeptieren. Noch in Wien schrieb Eisler Musik für den von Anton Webern geleiteten Wiener Arbeiter-Singverein. Später während seines Exils in Amerika, konfrontiert mit Chören, die am Radio sangen, um zum Kauf von Coca Cola zu animieren, änderte Eisler seine Meinung und rief verzweifelt nach dem „l’Art pour l’Art“.

Kurt Weill und Hanns Eisler wurden beide 1923 als Komponisten beim Musikverlag Universal Edition aufgenommen, sie kannten sich aber noch nicht. 1928 schrieb Weill in Berlin simultan zu Weberns die Dreigroschenoper – und damit viele seiner berühmtesten Lieder. Eisler und Brecht trafen sich beim jährlichen Kammermusikfestival „Neue Musik Berlin 1930“. Beides Männer gleichen Alters, von ihren Fähigkeiten überzeugt und beide gewillt, ihre Vorstellungen von Ästhetik und Politik durchzusetzen. Das gemeinsame Lehrstück „Die Massnahme“, eine Neuaufbereitung des Stücks „Der Jasager“, welches Brecht für dieses Festival als Auftragswerk schrieb, wurde von der Festspielleitung wegen politischer Bedenken abgelehnt. Weill zog daraufhin aus Solidarität sein Stück „Die Jasager“ ebenfalls zurück. Beide vertonten unzählige Texte von Brecht und beide emigrierten als Juden vor dem Zweiten Weltkrieg in die USA.

Aus den Kampfliedern waren unterdessen Nazilieder geworden: die Nazis hatten erkannt, welch grosse Agitationskraft die Kampflieder der Linken hatten, der Musikbolschewisten, wie sie die politisch gesäuberten Arbeiterchorgruppen nannten. Aus der Internationalen wurde die Hitlernationale, aus „Auf, auf zum Kampf“ wurde „Dem Adolf Hitler haben wir’s geschworen“ und aus „Roter Wedding“ wurde „Unsere Fahne flattert uns voran“. Es erfolgte meistens nur eine Adaptierung des Texts, in die Musik wurde nicht eingegriffen. Gleichzeitig wurden Eislers Werke auf die Liste entarteter Kunst gesetzt.

Eisler kehrte – nachdem er sich in den USA intensiv mit Filmmusik auseinandergesetzt hatte – 1949 gezwungenermassen nach Berlin zurück (seine sozialistischen Ideen waren in den USA ungern gesehen) und verfolgte diese dann in der DDR weiter, während Weill in den Vereinigten Staaten blieb und die Entwicklung des Musicals entscheidend vorantrieb.

"‘Eislermaterial‘ ist keine plane Kompilation von Werken Hanns Eislers, auch kein Potpourri durch das disparate Oeuvre eines Widersprüche geradezu liebenden Komponisten. Von Heiner Goebbels, der sich seit seinen künstlerischen wie musiktheoretischen Anfängen vor gut dreißig Jahren mit Eisler beschäftigt (...) konnte man ein Stück erwarten, das für sich steht und zugleich wie ein kompetenter Kommentar zum Schaffen eines anderen Komponisten wirkt. ‘Eislermaterial‘ ist Aufforderung zur Beschäftigung mit Eisler genauso wie Sichtung, Neueinordnung und Würdigung seines Werkes in einem. Wenn man will, kann man darin auch eine Inszenierung Eislers durch den Regisseur Goebbels sehen, der dort, wo das Werk nicht mehr zu uns spricht, weil sein Anlaß oder seine Funktion verschwunden ist, interpretierend eingreift - eine Gratwanderung zwischen den Untiefen von Verehrung und Anmaßung, Parodie und Affirmation, die Goebbels glänzend bewerkstelligt.“ (Wolfgang Sandner, Frankfurter Allgemeine Zeitung)